Sich den Steinen im Leben stellen

Manchmal möchte man ausbrechen aus seinem Leben, aus der Situation, die einen momentan gerade bestimmt. Manchmal möchte man gar ein anderer sein.

Was wäre das, wenn man dann eine neue Identität annehmen könnte, in einer anderen Welt und anderen Umständen leben könnte. Einer Welt ohne Lebensängste oder Traurigkeiten und keinen Anforderungen, die mich hier und jetzt umtreiben.

Vielleicht ist es genau das, was viele Menschen und insbesondere Jugendliche in eine virtuelle Parallelwelt treibt. Am Computer schaffen sie sich ein neues Lebensmodell und verlieren dabei die Zuordnung von realer und erträumter Welt. Letztendlich bleibt dies eine Flucht, denn wir leben nun mal im hier und jetzt und unser Leben spielt sich unter den gegebenen Umständen ab und wir sind die Akteure.

In diesem Zusammenhang frage ich mich, was wohl Jesus für ein anderes Leben gegeben hätte, als es für ihn darum ging, den Tod ins Auge zu schauen. Die Evangelien berichten, als Jesus sich im Garten Gethsemane am Vorabend seines Todes zum Beten zurückzog, dass er dort mit seinem Schicksal haderte. Der Evangelist Markus lässt Jesus folgendes sagen: „Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir,…“ Der Sohn Gottes gesteht sich ein, dass ihm die Situation über den Kopf zu wachsen droht. Es wird Jesus zu viel, zu viel Angst, zu viel Einsamkeit, zu viel Geschick. Das ist ein guter Zeitpunkt für den Wunsch, seine Identität gegen eine andere eintauschen zu dürfen.

Letztlich geht Jesus den Weg in den Tod. Als Sohn Gottes war ihm sicherlich die Möglichkeit und die Macht gegeben, einen anderen Weg zu wählen. Seine Entscheidung fällt aber für den Willen Gottes aus: „Doch nicht, was ich will, sondern, was du willst!“ Daraus spricht kein fatalistisches Sich-Fügen, sondern das Mittragen eines guten Weges, auch wenn er sich als steinig erweist. In dieser Entscheidung für die Menschheit zeigt sich Jesus ganz als Handelnder. Er lässt sich nicht im Wünschen und Wollen treiben, sondern akzeptiert die Realität, die für ihn den Tod voraussieht. Dieser Einsatz Jesu für die Menschen macht Mut, sich den eigenen Steinen im Leben zu stellen und nicht davor zu flüchten. Denn der Sohn Gottes, der für die Menschen bis zum Letzten eintritt, lässt sie auch im Leben nicht los.
In diesem Sinne lassen Sie uns mutig unsere Wege gehen.
Ihr/Euer Pastor Thomas Anders

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